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Johannisklirche in Magdeburg - was mir mein Freund erzählte

Mein leider schon verstorbene Freund erzählte mir eine Geschichte über den letzten Organisten der Johanniskirche, die mich tief berührte und ich sie euch nicht vorenthalte sollte.

Ein Freund von mir, der Eisvogelpeter, der leider vor 2 Jahren starb, sendete mir diese Zeilen , als wir uns über die Johanniskirche unterhielten:
Seine Zeilen :
"Ich ging noch nicht zur Schule und hatte zwei viel ältere Brüder. Mein älterer Bruder Hellmuth war Soldat bei der Wehrmacht. Mein Bruder Fritz besuchte das Bismarck-Gymnasium. Er bekam Klavierunterricht und erhielt zusätzlich Orgelunterricht bei Martin Günter Förstemann.
Förstemann, geb. am 15. 04. 1908 in Nordhausen als Sohn eines Arztes, verlor im 2. Lebensjahr sein Augenlicht. Nach dem Abitur studierte er in Leipzig bei Günter Ramin Orgel und bei Robert Teichmüller Klavier.
Er war von 1934 bis 1945, bis zu ihrer Zerstörung am 16. Januar, Organist an der Johanniskirche in Magdeburg.
Im Margarethenhof, in der Nähe des Herrenkrugs, bewohnte er eine Villa mit eigener Hausorgel. Seine ebenfalls fachlich ausgebildete Frau war stets an seiner Seite und assistierte ihrem blinden Mann bei Proben an der Orgel, es sei denn, eine Schallplattenaufnahme lag vor.
Da wegen der Fliegerangriffe alle Fenster verdunkelt werden mussten, ließ sich Förstemann nachts in die Johanniskirche einschließen, um dann in der dunklen Kirche an der Orgel zu üben.
Mitunter unterrichtete er bei uns zu Hause meinen Bruder Fritz.
Einmal, als Hellmuth auf Fronturlaub war und neuste Schlager auf dem Klavier mehr oder weniger gut aber laut intonierte, war Förstemann sehr ungehalten, weil er Fritz am Klavier vermutete.
Ich erinnere mich, wie er, nach dem ihm die Wohnungstür geöffnet worden war, wütend durch den Korridor stürmte, sich aber sofort beruhigte, als er nicht Fritz, sondern Hellmuth vor dem Klavier wahrnahm.
Nach dem Krieg 1945 wurde das gesamte Villenviertel am Margarethenhof von den Sowjets requiriert. Bis Ende der 40iger Jahre konzertierte er, stets in Begleitung seiner Frau, in dem zonengeteilten Deutschland. Dabei bedienten sie sich neben der Deutschen Reichsbahn auch eines Tandems.

Ihre Kleidung auf dem Fahrrad bestanden aus schlichten Lodenmänteln, einem Kopftuch bzw. einer Sportmütze und beide hatten Schnürstiefel an den Füßen. An Gepäck trugen sie zwei Rucksäcke bei sich. In diesem Aufzug überquerten sie legal und illegal die innerdeutschen Grenzen. Wenn sie über Magdeburg kamen, übernachteten die beiden stets bei uns zu Hause.

Ich erinnere mich, wie einmal ihre durchnässte Kleidung mit einem Fön getrocknet wurde aber dessen Geräusch gar kein Gefallen fand. Obwohl er zu mir sehr freundlich war, war mir sein hageres Äußere wegen der fehlenden Augen suspekt, wenn nicht sogar angstmachend.
Durch meine Mutter erfuhr das Ehepaar nach den Möglichkeiten der damaligen Zeit eine herzliche Bewirtung. Erschwerend für meine Mutter war, dass Förstemann sich vegetarisch ernähren ließ, was damals recht selten und ungewöhnlich war.
Mein Vater fand in Martin Günter einen geistreichen und welterfahrenen Gesprächspartner. So sprach er über seine Konzertreisen, u.a. von einer Begegnung mit Albert Schweizer und dessen Fähigkeit, durch autogene Übungen seine geistige Vitalität und Konzentration nicht ermüden zu lassen.
Ich hörte damals als Kind zum ersten Mal etwas von Albert Schweizer.
Förstemann hat die Wirren der Zeit, den Verlust der Johanniskirche und die Enteignung seiner Villa überlebt.
Mit den DDR Behörden muss es einen ernsthaften Konflikt gegeben haben, denn zu späteren Besuchen in Magdeburg kam es nicht.
Er starb am 27.2.1973 nach Konzertreisen in vielen Ländern als Organist und geachteter Hochschullehrer in Hamburg."

Kommentare

Wenn auch entbehrungsreich,doch auch erfüllt von den positiven Dingen im Leben.
Man kann nur Hochachtung für die Liebe und Zweisammkeit dieser beiden Menschen empfinden die gemeinsam die Höhen und Tiefen des Lebens gemeistert haben.

Respekt, denn wo gibt es Heute noch vergleichbares ?

Oktober