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Kinder in Abschiebehaft

Die Europäische Union bezeichnet sich als eine Wertegemeinschaft. Um welche Werte muss es sich handeln, wenn Kinder in Not bei der Ankunft in der Europäischen Union einfach wieder abgeschoben werden? Eine Betrachtung.

 Kinder in Abschiebehaft – Die Grenzen der europäischen Humanität

In ihren Heimatländern herrschen seit Jahren unruhige Zustände. Krieg, wirtschaftliche Ausbeutung oder Naturkatastrophen haben die von den Eltern mühsam aufgebaute Existenz zerstört. Ihre letzte Hoffnung ist die Flucht nach Europa. Wochenlang durchqueren sie trockene Wüsten, im Winter eisige Meere und geben ihr letztes Hab und Gut an Schlepperbanden. Schon für einen Erwachsenen ist das eine unvorstellbare Tortur, doch wie muss es einem Kind gehen, das dazu noch alleine reist und seinem Schicksal schutzlos ausgeliefert ist? Sie werden von ihren Eltern, die sie oft nie wieder sehen werden, auf eine lange Reise geschickt. Für die Familie und für sie selbst eine der letzten Chancen im Leben.

Statt diesen Menschen uneingeschränkte Solidarität in Form von humanitärer Hilfe entgegenzubringen werden  diese meistens ohne faires Asylverfahren in Abschiebeknäste gebracht und zurück in ihr früheres Elend geschickt. 240.000 Menschen, die nach Deutschland gekommen sind und einen Asylantrag gestellt haben, bekamen noch keinen Bescheid und verharren in Ungewissheit. Viele davon werden schlussendlich abgeschoben. Es fehlen Hilfskräfte, um die Flüchtlinge zu versorgen, und Beamte um Asylanträge zu bearbeiten.

Aufgenommen werden meistens Bürgerkriegsflüchtlinge aus Syrien oder dem Irak. ,,Wirtschaftsflüchtlinge“ aus dem Kosovo werden mit dem Verweis auf den Status als ,,sicheres Herkunftsland“  an den Grenzen der Republik abgefangen und zurückgebracht. Wer jedoch die einschlägigen Tageszeitungen studiert hat, kann hier keineswegs von einem sicheren Land sprechen, in dem immer noch ein großer Teil der Bevölkerung hungert und keine Perspektive für die Zukunft sieht. Juristisch gesehen ist der Kosovo sicher, da der Begriff des sicheren Herkunftslands Probleme wie den Hunger nicht mit einschließt. Perspektivisch gesehen können durch den Hunger auch als juristisch unsicher eingestufte Probleme wie Krieg auftreten. Ob nun Hunger oder Krieg, beides bedroht menschliche Existenzen.

Gerade Jugendliche brauchen eine Perspektive, da sie erst am Anfang ihres Lebens stehen. Die meisten europäischen Jugendlichen haben verschiedenste Lebenswege vor ihnen, aus denen sie einen beliebigen einschlagen können. Die Jugendlichen in den Entwicklungsländern sind oft dazu bestimmt, in der Landwirtschaft zu arbeiten und eine Subsistenzwirtschaft zu betreiben. Oft werden diese Regionen von Weltmarktführern kontrolliert. Die Heranwachsenden sehnen sich nach einem Studium und einer Ausbildung in Europa, die ihnen mehr Möglichkeiten eröffnet. Während ihrer Flucht nach Europa erleiden sie oft traumatische Schäden.

Doch diese Möglichkeiten verwehrt ihnen die Europäische Union aus verschiedenen Gründen. Die Kapazitäten im Bereich Asyl sind überlastet und viele Krisenländer werden als vermeintlich sicher eingestuft. Ungeachtet ihrer Minderjährigkeit, ihrer Perspektivlosigkeit und den entstandenen traumatischen Störungen werden Kinder und Jugendliche in Abschiebehaft gesteckt.   Im Asyl- bzw. Abschiebeverfahren würden traumatische Beeinträchtigungen der Geflüchteten oft nicht beachtet, so der AWO-Bundesverband zur aktuellen Lage in Hamburg. Laut dem Sozialgesetzbuch (§ 42 SGB VIII) muss die Jugendhilfe die geflüchteten Kinder und Jugendliche in ihre Obhut nehmen. "Aus humanitären und kinderrechtsspezifischen Gründen sollten Minderjährige grundsätzlich nicht in Abschiebehaft genommen werden, zumal sie nur selten für die Umstände, die zur Haft führen, verantwortlich sind", erklärt der AWO-Bundesverband. Sie brauchen viel mehr Unterstützung und Hilfe, die der Staat aktuell nicht immer leisten kann.

So erscheint es verwunderlich, dass der Innenminister Thomas de Maizière am Jahresanfang die Legalität des Kirchenasyls in Frage stellte. Gerade in kirchlichen Gemeinden steckt ein großes Hilfspotenzial für Flüchtlinge. Die Kirche kann als Schlaf- und Wohnraum genutzt werden und auch seelsorgliche Arbeit kann geleistet werden. Oft erwirken die Kirchengemeinden eine Wiederaufnahme des Asylverfahrens. Gegenüber den Flüchtlingen und ihrer schweren Geschichte wäre das nur gerecht.

”Ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen. … Und der König wird antworten und zu ihnen sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“ (Matth. 25, 35 + 40)

http://www.awo-hamburg.org/awo-begruesst-stopp-der-abschiebehaft-fuer-kinder-und-jugendliche-in-hamburg.htm

Fabian Groß