Treffpunkt unterwegs sein

Thema: Pendeln

Pendeln – Zeit, die man sich schenken kann?

Mein Leben ist genau „durchgetaktet“. Mit dem Klingeln des Weckers beginnt jeder Tag nach der Uhr. Mein Mobiltelefon als Zeitmesser, Terminplaner und Kommunikationszentrale ist mein wichtigster Begleiter. Alles ist exakt durchorganisiert, und das muss es auch sein: Ich zähle zu der großen Zahl von Berufspendlern, die jeden Tag zwischen Wohnort und Arbeitsplatz, zwischen familiären und beruflichen Terminen und Pflichten hin- und herspringen. – Oft sogar im Wortsinn.

Damit gehöre ich einer wachsenden Bevölkerungsgruppe an, die mit immer längeren Arbeitswegen ihr berufliche Mobilität unter Beweis stellt; rund 15 % der Arbeitnehmer haben einen täglichen Arbeitsweg von mehr als 50 Kilometern. Ich befinde mich also in guter Gesellschaft. Täglich verbringe ich rund 2 Stunden in unterschiedlichen Öffentlichen Verkehrsmitteln.

Pendeln ist eine Selbstverständlichkeit geworden, die jeder auf sich nehmen muss, der beruflich vorankommen möchte. Nicht selten ist ein täglicher Arbeitsweg von vielen Kilometern die einzige Option auf eine Arbeitsstelle. Seit mein letzter, befristeter Arbeitsvertrag nicht verlängert wurde, pendle auch ich jeden Tag zu meinem neuen Arbeitsplatz. Die Folge ist ein Leben, das in enge zeitliche Abfolgen gepresst ist und nicht nur mich, sondern auch meinen Partner und meine beiden Kinder in ein enges Zeitkorsett schnürt.

Meist funktioniert alles recht gut: Aufstehen, Kaffee, Dusche. Dann Partner wecken, kurze Lagebesprechung. Während mein Mann sich fertig macht, wecke ich die Kinder und es folgen einige wertvolle Kuschel-Minuten die nur uns dreien gehören. Die Morgentoilette der Kinder unterstützen und vielleicht – wenn die Zeit ausreicht – noch schnell das Frühstück für Mann und Mäuse auf den Tisch stellen, dann: los! Den Hin- und Rückweg zum Kindergarten übernimmt meistens mein Partner.

Wenn alles nach Plan verläuft und wenn der Zug den Fahrplan einhält, komme ich rechtzeitig zur Arbeit und kann pünktlich gehen, um den Haushalt zu erledigen und mir Zeit für die Freuden und Sorgen der Kinder zu nehmen, mit ihnen zu spielen oder ihnen das aktuelle Lieblingsbuch vorzulesen. Und um gemeinsam zu Abend zu essen, unserem (wichtigsten) täglichen Ritual, bei dem alle gemeinsam am Tisch sitzen und von ihrem Tag erzählen. Entschleunigung, Familienleben.

So ist es, wenn alles nach Plan verläuft. Zu dem “Wenn” gibt es jedoch viele “Aber”, die das theoretisch minutiös durchorganisierte Familiengefüge in der Praxis gewaltig stören können: Und es gibt viele Unwägbarkeiten, die immer dann (und gerne auch in Serie) eintreten, wenn es am allerwenigsten passt. Eins der Kinder wird krank (oder – der Super-GAU – alle beide!). Ein kurzfristiger Termin erfordert meine frühere oder längere Anwesenheit am Arbeitsplatz oder zu Hause. Ein Unfall oder ein Streik stört den öffentlichen Personenverkehr oder bringt ihn ganz zum Erliegen. Das Personal in den Kindergärten legt seine Arbeit nieder (wie es derzeit in vielen Betreuungseinrichtungen der Fall ist). Oder mein Mann muss kurzfristig auf Dienstreise oder Überstunden machen. Dann, ja, dann trifft das mein “Pendler-Ich” auf vielen verschiedenen Ebenen.

Was sonst wie am Schnürchen läuft, weil familienintern genau “getaktet”, gerät ins Stocken. Und es ist nicht immer sofort ein Plan B oder C zur Hand, um die Kaskade an organisatorischen Hürden, die auf ein solches ungeplantes Ereignis folgen, abzuwenden. - Wohl aber (in meinem, sehr glücklichen, Fall) ein funktionierendes Netzwerk, das in der Lage ist, die eine oder andere Widrigkeit abzufangen.

Keine Frage: Das alles ist nicht immer leicht. Organisationstalent und Multitasking gehören zu meinen hervorstechendsten Eigenschaften. Und das ist auch gut so: Wir sind eine (post)moderne Familie, die ein Leben jenseits der klassischen Rollenverteilung führt und heutzutage – teils aus finanzieller Notwendigkeit, teils aufgrund gesellschaftlicher Umbrüche und neuer Lebensentwürfe – kaum noch Bestand hat.

Ob das nun gut oder schlecht ist, darüber kann man geteilter Meinung sein. Dass es für viele Familien heute soziale Realität ist (und das oft nicht aus freien Stücken), daran ändert es freilich nichts. Ich persönlich trauere den (oft nostalgisch überzuckerten) klassischen Familienkonstellationen nicht nach, welche die Domäne der Frau auf das Haus und die Versorgung von Mann und Kindern festschreiben. Frauen mit Familie und Karriere: Das hatte Seltenheitswert. Ich will beides, auch wenn es für mich bedeutet, einen Spagat zwischen verschiedenen Orten, Verpflichtungen und Bedürfnislagen vollführen zu müssen. Und immer wieder aufs Neue und in Abstimmung mit meinem Partner überprüfen zu müssen, dass wir unsere gemeinsamen Prioritäten (im Zweifel immer zugunsten der Kinder!) richtig gesetzt haben.

Mein Leben ist genau “durchgetaktet”. Mit dem Klingeln des Weckers beginnt jeder Tag nach der Uhr. Doch allzu oft läuft eben nicht alles nach Plan. Anstatt diesen Text an meinem Arbeitsplatz reiflich überlegt und gut recherchiert in meinen Rechner einzugeben, balanciere ich auf dem Sofa auf einem Knie mein Laptop und auf dem anderen mein fieberndes Kind.

Vielleicht reihe ich mich ja morgen wieder in die Gruppe der Berufspendler ein – und schaffe es, Zeit für mich zu finden, wo man es nicht vermutet. Eine halbe Stunde Auszeit und in Ruhe in der S-Bahn dösen: Eigentlich auch ganz schön!