Treffpunkt lieben

Von Hexen und Hochzeiten - warum "Anderssein" normal ist

“Mama …?!” Mit meinem vierjährigen Sohn sitze ich in einer übervollen Straßenbahn und bin alarmiert. Der verschwörerische Tonfall verheißt nichts Gutes ...

“Mama …?!” Er hebt den Arm. Ich bin in banger Erwartung. - Auf wen oder was wird er jetzt zeigen? (Ich habe schon so eine Ahnung …) Der Zeigefinger schnellt hoch und deutet zielsicher auf einen Mann uns schräg gegenüber, der gerade zugestiegen ist. Er hat eine eindrucksvolle Wucherung (vulgo: “Kropf”) am Hals, welche den Blick meines Sohnes sofort auf sich gezogen hat. Ich starte mein Ablenkungsprogramm. Memory auf meinem Handy? Aber nein. Meine Bestechungsversuche laufen ins Leere. Das Kind ist sichtlich fasziniert.

“Mama, der Mann dort drüben … Wächst da ein zweiter Kopf?” Jetzt ist es raus. Kleinkinder können noch nicht flüstern, sie denken nur, sie tun es, indem sie etwas die Stimme senken. – Jedoch so laut, dass jeder mühelos mithören kann. Auch der Mann schräg gegenüber. Natürlich. Mit knallrotem Kopf schaue ich in teils belustigte, teils mitleidige Gesichter um mich herum. Der entschuldigende Blick, den ich dem offenbar Schilddrüsenkranken zuwerfe, wird ignoriert. Er ist ob dieser ungewollten Zurschaustellung seines Leidens sicherlich verletzt und das zu Recht. Meine sehr leisen Erklärungsversuche, was dem Mann fehlt (natürlich reine Spekulation meinerseits), werden nicht nur von meinem Sohn großem Interesse verfolgt. Beim Aussteigen stammle ich noch eine Entschuldigung, doch für den älteren Herrn bin ich Luft.

Ich bin sicher, Eltern kennen solche Situationen. Ich kenne sie jedenfalls zur Genüge.

“Mama …?! Hat die Frau da ein Baby im Bauch?” fällt meinem großen Sohn angesichts einer etwa 80jährigen stark übergewichtigen Frau ein, die sich schnaufend auf ihre Gehhilfe stürzt. (Ich versuche mich in Fortpflanzungsbiologie für Fünfjährige bei der Erklärung, warum die Frau ganz sicherlich nicht schwanger ist.)

“Mama …?! Ist das dort eine echte Hexe?” möchte mein Dreijähriger wissen, als mich eine freundliche ältere Dame mit vielen Fibromen im Gesicht nach dem Weg fragt. (Und ich überlege mir panisch, warum die traditionelle Hexen-Ikonographie in den Bilderbüchern immer noch nicht aus der Mode gekommen ist.)

Die meisten Menschen reagieren auf meine Entschuldigungen glücklicherweise freundlich und verständnisvoll. “Kindermund tut Wahrheit kund” - darin steckt eine ganze Menge Weisheit (und kein bisschen Taktgefühl). Denn versetzt man sich einmal in die Logik eines Kindes, ergeben die auf den ersten Blick oft abstrus erscheinenden Schlussfolgerungen durchaus Sinn: Außerhalb der Alltagserfahrung stehende Sachverhalte werden wahrgenommen und im Rahmen der zur Verfügung stehenden Plausibilitätsstrukturen interpretiert. Schilddrüsenerkrankungen, Adipositas und Hautanomalien sind nicht Teil der Lebenswirklichkeit meiner Kinder, deshalb fallen sie ihnen auf. Für diese Auffälligkeiten suchen sie Erklärungen, die in ihren Erfahrungshorizont “passen”.

Hinter all den Fragen steht also nicht der Wunsch nach Ausgrenzung bestimmter Personen oder Gruppen, sondern ein ehrliches Interesse der Kinder, ihre Umwelt zu verstehen und zu ordnen. Finden die Kinder für einen Sachverhalt eine für sie plausible Erklärung, wird er von ihnen als “normal” hingenommen. Hier ist das Umfeld der Kinder gefordert, sie bei der Erklärungssuche zu unterstützen.

Dies ist eine verantwortungsvolle Aufgabe, vermittelt man den Kindern hier doch implizit wie explizit Werte und Normen, die die kindliche Weltsicht bis ins Erwachsenenalter erheblich beeinflussen können. - Auch negativ. Denn Stereotype, Vorurteile und diffuse Ängste werden mitunter auf diese Weise weitergegeben. Sei es ein antiquiertes Rollenverständnis, ein bestimmtes politisches oder religiöses Weltbild, Ausländerfeindlichkeit oder Homophobie.

Vor wenigen Wochen machte eine Kolumne der Sonntagsausgabe des Westfalen-Blatts Schlagzeilen. Dort äußerte ein Leser die Befürchtung, seine beiden nach konservativen Wert- und Familienvorstellungen erzogenen Töchter im Grundschulalter könnten auf unpassende Weise mit dem Thema gleichgeschlechtliche Sexualität konfrontiert werden, wenn die Familie die Hochzeit seines homosexuellen Bruders besuchte. Unter dem Titel “Unsere Töchter schützen” bestätigte die Ratgeber-Kolumne die Haltung des Fragestellers und riet von der Teilnahme an der Hochzeit ab - um die Töchter vor einem vermeintlichen Schock und sexueller Verunsicherung zu bewahren.

Tatsächlich zeigt sich hier eine rein auf den Geschlechtsakt fokussierte Homophobie. Homophobie auf Seiten der Erwachsenen (also des Fragestellers und der Ratgeberin) wohlgemerkt! Denn würde es sich hier um eine „konventionelle“ Hochzeit (also eine Hochzeit von Mann und Frau) handeln, würde sich wohl kaum jemand Sorgen um die Sexualaufklärung der jüngsten Hochzeitsgäste machen. Es wäre schlichtweg nicht Thema.

Mit meinen (durchaus sehr wissbegierigen) Kindern waren wir vor gut einem Jahr auf einer “schwulen Hochzeit” eines Freundes der Familie. Nach der standesamtlichen Trauung wurde das gleichgeschlechtliche Paar in der Kirche eingesegnet. Natürlich: Die Frage, warum denn bei dieser Hochzeit keine Braut im weißen Kleid beteiligt war – die kam.

Die simple Erklärung die ich meinen Kindern zuflüsterte (und die ich auch dem Westfalen-Blatt nur zu gern mit auf den Weg geben würde) war die: Bei einer Hochzeit geht es um zwei Menschen, die sich lieben und vorhaben, den Rest ihres Lebens miteinander zu verbringen. Dafür bitten Sie um Gottes Segen.

Diese Erklärung war für meine Kinder ausreichend und leuchtete ihnen ein. Keine weiteren Fragen. (Geht doch!)

Meine beiden Söhne und ich werden wohl noch in einige Fettnäpfchen treten. Ich werde wohl noch das ein oder andere Mal ins Schwitzen kommen, wenn einer von ihnen den Finger hebt, um auf irgendjemanden oder irgendetwas Auffälliges zu deuten und eine Frage zu stellen, die das Potential hat, in ihrer Arglosigkeit politisch unkorrekt und verletzend zu sein. Meine Verantwortung ist es dann, den Kindern neben der Befriedigung ihrer Neugier als Basis ihrer Sozialkompetenz einen grundlegenden Respekt vor anderen Menschen zu vermitteln. Allen Menschen, gleich welchen Geschlechts, welcher körperlichen und geistigen Disposition, welcher sexuellen Präferenz oder welcher Hautfarbe.

Kinder verletzen meist unabsichtlich. Erwachsene oft mit Absicht.